Neue Veröffentlichungen von Elektronikmusik Avantgardist Conrad Schnitzler

Am 15. Juni 2012 werden Reissues der ersten beiden Soloveröffentlichungen von Conrad Schnitzler erwerbbar sein.
Conrad Schnitzler (1937–2011), Komponist und Konzeptkünstler, ist einer der wichtigsten Vertreter deutscher Elektronikmusik-Avantgarde. Er studierte bei Beuys und Stockhausen, gründete 1967/68 den legendären Berliner Subkultur-Club Zodiak Free Arts Lab, war Mitglied bei Tangerine Dream (mit Klaus Schulze und Edgar Froese) und Kluster (mit Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius) und veröffentlichte unzählige Soloalben.

Das Rote Album:
Wie kaum ein anderer Musiker der legendären frühen 70er Jahre repräsentiert Konrad Schnitzler einen Künstlertypus, der sich nur in dieser Zeit herausbilden konnte. Aus Revolution, Pop-Art und Fluxus war ein Klima entstanden, das grenzenlose künstlerische und gesellschaftliche Entwicklungen möglich scheinen ließ. Radikale Utopien, exzessive Drogenexperimente, im positiven Sinn skrupellose ästhetische Grenzüberschreitungen waren Kennzeichen jener Jahre. Die Zauberwörter lauteten „Subkultur“, „Progressivität“ und „Avantgardismus“.

Ein Brennpunkt dieser Turbulenzen war West-Berlin mit seiner politischen Sonderstellung. Und in West-Berlin war das 1968 gegründete Zodiak der wichtigste Treffpunkt ebendieser Subkultur, deren treibende Kraft Konrad Schnitzler war und wo sich Tangerine Dream und Kluster zu ersten öffentlichen Performances trafen. Das rote Album („Rot“) ist Schnitzlers erstes Soloalbum. Aber schon drei Jahre vorher (1970) war er als Mitglied von Tangerine Dream an deren erster Veröffentlichung „Electronic Meditation“ beteiligt gewesen. Auch hatte er bereits zusammen mit Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius die Gruppe Kluster gegründet, die ebenfalls mit ihrem ersten Album „Klopfzeichen“ erhebliches Aufsehen erregt hatte.

Auf „Rot“ jedoch formuliert Schnitzler nun kompromisslos seine ganz eigenen Vorstellungen von elektronischer Musik. Als Gefolgsmann des Aktionsund Objektkünstlers Joseph Beuys hatte Schnitzler auch dessen „erweiterten Kunstbegriff“ übernommen, bei dem der gesteuerte Zufall eine wesentliche Rolle spielt. Schnitzler nämlich erweiterte den Begriff „Musik“. Oder anders gesagt: Er pfiff auf alle bis dahin gültigen Musikregeln, stellte seine eigenen auf bzw. machte die gezügelte Regellosigkeit, den eingeschränkten Zufall zum Konzept. Die Improvisation wurde wichtig. Nicht nur die Tatsache, dass Schnitzler ausschließlich synthetische Klänge und Geräusche verwendet, ist das
Aufregende an seiner Musik; auch die scheinbar chaotischen Bewegungen ihrer mikroskopischen Klangpartikel führen den Hörer in eine paradoxe, ebenso kristalline wie lebendige künstliche Welt.

Fremdartiger ging es kaum. Schnitzler ließ mit seinem Erstling fast alle Künstler, die zeitgleich in musikalisches Neuland vorstießen, an
Radikalität hinter sich. Er beließ es nicht bei psychedelischen Soundtracks, sondern stellte auch diese noch mit seinem unbeugsamen Willen zur Kunst auf den Kopf. Die für Schnitzler so typischen Klangkaskaden und der durchsichtige Sound waren und blieben einzigartig, niemand hat es ihm mit solcher Konsequenz jemals nachgemacht.

Das rote Album:
Tracklisting:
1. Meditation
2. Krautrock
3. Red Dream (Bonus)

CD / Vinyl (180g) / Download
VÖ: 15. Juni 2012
Das rote Album erschien 1973 und war Schnitzlers erstes Soloalbum.
Reissue im Digipak mit Linernotes von Asmus Tietchens, seltenen Fotos und einem 20-Minuten-Bonustrack (nur CD + Download)
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Das blaue Album:
Mit dem roten Album hatte Schnitzler seine musikalisch-künstlerische Richtung definiert. Mit dem blauen („Blau“) bestätigte er sein State­ment. Vielleicht sind die Stücke auf „Rot“ und „Blau“ in einer Aufnahme-Session entstanden. Aufbau, Sound und Klangmaterial beider LPs jedenfalls ähneln sich so sehr, dass diese (unbestätigte!) Vermutung nahe liegt. Viel wichtiger jedoch als historische Erbsenzählerei ist die Tatsache, dass Schnitzler auf „Blau“ zwei völlig neue Kompositionen veröffentlicht hat, die nahtlos an das vorangegangene Album anschließen. Er hatte schlicht und einfach seinen Weg gefunden, von dem er bis an sein Lebensende nicht mehr abrücken sollte.

Die sogenannte Berliner Schule – und insofern auch Konrad Schnitzler – hatte einen ganz eigenen Stil minimalistischer Musik entwickelt. In klarer Abgrenzung zu angloamerikanischer Popmusik, aber auch zu minimalistischer Kunstmusik à la Steve Reich oder Philip Glass setzte sie auf Elektronik und einfachste Rhythmik. Für die Berliner Musiker waren weder instrumentale oder gar gesangliche Virtuosität noch überbordende rhythmische Verschachtelungen von Interesse. Sie wollten vielmehr mit Hilfe der Synthesizer und der Studiotechnik in das bis dahin nur wenigen Privilegierten zugängliche, von Rätseln und Geheimnissen umwitterte Gebiet der unerforschten Klänge und Geräusche eindringen. „Blau“ ist ein Paradebeispiel dafür.

Mut, Forscherdrang und künstlerische Genialität sind aus jedem Teil der beiden unendlichen Sequenzen dieses Albums deutlich herauszuhören. Angeregt von Joseph Beuys, propagierte Schnitzler gerade die nicht musikalische, allen Traditionen ferne Klangkunst, die allein der damals völlig festgefahrenen Popmusik- und Neue-Musik-Szene frische, in die Zukunft weisende Impulse geben konnte. Die Fragen nach Harmonie, Melodie und fester Form hatte Schnitzler endgültig zu den Akten gelegt. Wie auf einer Perlenschnur funkeln seine Klangkristalle. Und mit diesen Perlenschnüren webt Schnitzler neue, phantastische Muster, die sich kaleidoskopartig ständig ändern und unerwartete Facetten offenbaren; sie sind Wegweiser in eine räumliche und zeitliche Unbegrenztheit. Damit erweiterte Schnitzler die Maßstäbe ins fast Unermessliche. In der „analogen Zeit“ gab es allerdings ein lästiges Limit: die Dauer einer LP-Seite bzw. Cassetten-Seite. Diese Begrenzung hob Schnitzler in einigen seiner Live-Performances auf. Man erzählt sich noch heute von Konzerten, die 50 Stunden und länger dauerten.

(…) Konrad Schnitzler machte nie wirklich Schule, dazu war sein Stil zu speziell. Aber er gehörte und gehört immer noch zu den bedeutenden Anregern der neueren Popmusik. Möglicherweise wird er irgendwann zur Legende, aber noch ist er eine feste Größe.

Tracklisting:
1. Die Rebellen haben sich in den Bergen versteckt
2. Jupiter
3. Wild Space 1 (Bonus)
4. Wild Space 2 (Bonus)
5. Wild Space 3 (Bonus)
6. Wild Space 4 (Bonus)
7. Wild Space 5 (Bonus)
8. Wild Space 8 (Bonus)

CONRAD SCHNITZLER
(Blau)
CD / Vinyl (180g) / Download
VÖ: 15. June 2012
Das blaue Album erschien 1974 und war Schnitzlers zweite Solo-Vinylveröffemtlichung.
Reissue im Digipak mit Linernotes von Asmus Tietchens, seltenen Fotos und sechs Bonustracks (nur CD + Download)

Bureau B